Von Schwalmstadt in die ganze Welt.

Millionen evangelische Christen weltweit feiern Jahr für Jahr die Konfirmation. Allein in Deutschland bestätigen jedes Jahr 250.000 Jugendliche als persönliche Glaubensbekräftigung mit der Konfirmation ihre eigene Taufe und vollziehen den Übergang in die Kirche der Erwachsenen.

Wussten Sie, dass diese wichtige Säule des protestantischen
Glaubens ihren Ursprung in Schwalmstadt-Ziegenhain hat?

Hier wurde im Jahr 1539 die „Ziegenhainer Kirchenzuchtordnung“ verabschiedet, die bis heute die Konfirmation, ihre Inhalte und Rituale definiert.

Ketzerei und Todesstrafe:
der Streit um die Taufe

Der Geburt der Konfirmation vorausgegangen waren gewaltige Umbrüche: 1517 hatte Martin Luther die kirchliche Weltordnung auf den Kopf gestellt. In der Folge entstand die evangelische Kirche, die als Teil der Christenheit bald den erbitterten Streit um die Taufe mitführte: Sollten Säuglinge getauft werden? Oder lieber junge Erwachsene, die ihr Christsein bewusst leben?

Die „Wiedertäufer“ (auch „Täufer“ genannt) wollten die Erwachsenentaufe, weshalb sie auf Grundlage des „Wiedertäufer-Mandates“ von 1529 rigoros als Ketzer verfolgt wurden. Beschlossen auf dem Reichstag zu Speyer, umfasste dieses Mandat eine Reihe von Bestimmungen, wie mit Wiedertäufern umzugehen sei. Diese sahen im Wesentlichen vor, Wiedertäufer, die nicht öffentlich von ihrem „Irrglauben“ abkehrten und Sühne leisteten, hinzurichten – und zwar ohne vorherige Verhandlung durch ein Inquisitionsgericht. Für hochrangige Wiedertäufer sollte es gar keine Gnade geben. Sie wurden ohne Ausnahme hingerichtet und im Vorfeld auch schwerstens gefoltert.

Das Wiedertäufer-Mandat fand auch die ausdrückliche Zustimmung vom Nordhessischen Landgrafen Philipp (1504 – 1567) – der zehn Jahre später aber zum Glück den entscheidenden Impuls gab, diesen schlimmen Streit um die Taufe zu beenden.

Als Großmut zur Ordnung führte:
die „Ziegenhainer Kirchenzuchtordnung“

Was Landgraf Philipp, auch genannt “der Großmütige“ bewegte, einen Kompromiss zu suchen, wissen wir heute nicht genau. Fest steht aber, dass er seinem Beinamen gerecht wurde und im Jahre 1939 den für sein Ansinnen wahrscheinlich bestmöglichen Theologen engagierte: den Straßburger Reformator Martin Bucer (1491 – 1551). Dieser weitgereiste und vielbeachtete Gelehrte hatte schon vorher zahlreiche Diskussionen und Streitigkeiten unter den Protestanten beendet bzw. geschlichtet und tragfähigen Konsens vermittelt, wie z.B. beim sogenannten „Abendmahlstreit“. Und auch beim Streit um die Taufe suchte Bucer einen Kompromiss, den er in Zusammenarbeit mit hessischen Juristen und Theologen in Form einer neuen Kirchenordnung auch fand: die „Ziegenhainer Kirchenzuchtordnung“ von 1539!

Weil damals viele Kinder sehr früh starben, sollte die Taufe weiterhin unmittelbar nach der Geburt stattfinden. Als Jugendliche sollten die Getauften dann in einem feierlichen Akt das Taufbekenntnis, das Eltern und Paten stellvertretend gesprochen haben, bestätigen. Diesem bedeutungsvollen Akt voraus gehen sollte eine „Unterweisung im Glauben“. Neben der Konfirmation war somit auch der Konfirmandenunterricht erfunden. Dessen Inhalte basieren auf den fünf Hauptstücken des Katechismus.

Bis ins Detail definiert und bis heute gültig.

„Es sollen die Ältesten und Prediger auch darauf sehen, dass die Kinder, die nun durch den Katechismus-Unterricht im christlichen Verständnis so weit gebracht sind, dass man sie billig zum Tisch des Herrn zulassen sollte, auf ein hohes Fest wie Ostern, Pfingsten und Weihnachten vor aller Gemeinde dem Pfarrer an dazu verordnetem Ort von ihren Eltern und Paten vorgestellt werden…“

Sollten Sie die „Ziegenhainer Kirchenzuchtordnung“ durchlesen, so werden Sie sich sicherlich an ihre eigene Konfirmation erinnern: Was 1539 definiert wurde, wird auch heute noch genauso praktiziert.

Hier können Sie die „Ziegenhainer Kirchenzuchtordnung“, die auch in anderen Punkten sehr fortschrittlich war, als Pdf herunterladen.

zum Download >

Wegweisend auch für die Gesellschaft

Übrigens: Die „Ziegenhainer Kirchenzuchtordnung“ definierte auch die Toleranz völlig neu: Andersdenkende sollten nicht verfolgt werden. Andersgläubige erhielten Gastfreundschaft, Juden die Bürgerrechte. Das war gelebter Großmut – und seiner Zeit weit voraus.

Sie sehen, die Geburt der Konfirmation ist ein spannendes Stück Geschichte. Eine Geschichte, die Sie an Ort und Stelle hautnah erleben können! Mehr Infos hier.